Pressewart: Hans Hetzel
(seit 21.06.2002)

20. April 2002

Auszug aus der  "Badischen Zeitung" (www.badische-zeitung.de)

"Ich spiele eher spekulativ als tief durchdacht"

BZ-Interview mit Max Scherer, dem badischen Meister im Schach / Größter Erfolg des Dreisamtälers / "In kritischen Situationen kommt der Adrenalinstoß"

FREIBURG. Max Scherer ist neuer badischer Meister im Schach. Beim Kongress in Waldshut-Tiengen setzte der 37-Jährige aus Stegen im Dreisamtal seine Widersacher matt. Scherer liebt das Risiko. Er opfert gern und lässt sich von seiner Intuition leiten. Wie ihm einst ein kleiner Drache half und welche Marotten er sonst noch hat, wollte BZ-Redakteur Andreas Strepenick wissen.

BZ: Gibt es auch einen Meister in Württemberg?

Scherer: Ja. Im vergangenen Jahr war das Igor Berezovsky.
BZ: Wer ist besser?
Scherer: Er. Berezovsky ist internationaler Meister, so einen Titel habe ich nicht.
BZ: Das Meistertumier in Waldshut-Tiengen ging über neun Partien. Sie gewannen sechs und spielten drei remis. Von welchem Momentan glaubten Sie an den Sieg?
Scherer:
Erst in der vorletzten Runde. Ich bin es nicht gewohnt, ein Turmer zu spielen, das vom Anfang bis zum Ende sehr gut läuft. Außerdem benötigen Sie relativ viel Glück. Es kann immer etwas passieren und es ist keinesfalls sicher, dass mir nach sieben guten Partien auch die restlichen gelingen. Am achten Tag zeichnete sich auf meinem Brett eine relativ gute Stellung ab, während mein direkter Konkurrent Jörg Schlenker aus Donaueschingen auf dem Weg in die Niederlage war. So kam es dann. Ich hatte 1,5 Punkte Vorsprung und war vorzeitig Sieger.
BZ: Was für ein Spielertyp sind Sie?
Scherer: Ich bin sehr häufig auf Verwicklungen aus, in denen ich die Phantasie anstrengen muss. Positionen ruhig angelegte Partien liegen mir weniger.
BZ: Welche Verwicklungen meinen Sie?
Scherer: Situationen, in denen es um Taktik geht. Im Unterschied dazu stünde das positionelle Spiel. Das wäre der Versuch, über feine Nuancen minimalen Vorteil zu erzielen und seinen Gegner ganz langsam an die Wand zu spielen. Im taktischen Spiel sind häufig Kombinationen möglich. Das Geschehen kann sehr unübersichtlich sein, das Materialverhältnis verschoben. Es ist dann nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wie es letzten Endes ausgehen wird.
BZ: Opfern Sie gern?
Scherer: Meine schönste Partie beim Kongress spielte ich in Runde zwei gegen Jörg Schlenker. Eine Opferserie brachte die Entscheidung zu meinen Gunsten. Das kommt nicht oft
vor, aber es kommt vor. Ein Kollege sagte einmal über mich, ich spiele eher spekulativ als tief durchdacht.
BZ: Also auch risikoreich?
Scherer: Ja, natürlich.
BZ: Was ist Ihre größte Stärke?
Scherer: Es ist nicht so einfach, das von sich selber zu sagen. Ich überlasse das Urteil anderen.
BZ: Was sagen andere?
Scherer: Dass ich eher intuitiv spiele und ein kämpferisches Schach schätze.
BZ: Was ist Ihre größte Schwäche?
Scherer: Da gibt es natürlich einige. Die größte ist vielleicht, dass es mir auch in vorteilhaften Stellungen noch häufig passiert, dass ich einen falschen Plan wähle. Statt die Partie wie erwartet zu gewinnen, kommt es sogar vor, dass ich sie dann noch verliere. Aber das werden wohl die meisten Spieler von sich sagen.
BZ: Also können künftige Gegner aus der Lektüre dieses Interviews keinen Vorteil ziehen?

Scherer: Was ich geschildert habe, passiert auch den Besten. Eine weitere  Schwäche fällt mir noch ein: Ich bin von der Eröffnungsbehandlung her recht unflexibel und wende in der Regel immer dieselben Systeme an. Der Vorteil ist natürlich, dass ich mich in diesen Systemen gut auskenne und kaum Überraschungen erlebe.
BZ: Welche Eröffnung schätzen Sie am meisten?
Scherer: Mit Weiß die Englische Eröffnung, also Bauer C2-C4. Dabei wird versucht, das Zentrum vom Flügel her unter Kontrolle zu bringen. Meistens kommt ein Fianchetto hinzu, also Läufer b2 oder g2. So lässt sich auf den Diagonalen über die Flügel das Zentrum kontrollieren. Mit Schwarz schätze sich die Englische Verteidigung. Auch da geht es um die Beherrschung des Zentrums über die Flügel. Wilde Stellungen können die Folge sein, das Risiko ist recht hoch.
BZ: Wenn Sie mit Schwarz spielen: Welche gegnerischen Eröffnungen fürchten Sie?
Scherer: Meistens diejenigen, die auf direktem Wege versuchen, meinen Flügelaufbau zu behindern.
BZ: Na ja, vielleicht haben Ihre Gegner jetzt doch ein paar Tips bekommen. Sie dürfen zur Deutschen Meisterschaft fahren, Welche Chance rechnen Sie sich aus?
Scherer: Realistischerweise eine relativ geringe. Im vergangenen Jahr fuhr ich in der Hoffnung auf einen Platz im Mittelfeld dorthin, aber das hat nicht geklappt.
Ich warf vorteilhafte Stellungen weg und war überrascht von der Härte der gegnerischen Verteidigung. Ich erreichte unter 42 Teilnehmern Rang 35.
BZ: Fühlen Sie jetzt mehr Sicherheit?
Scherer: Nach dem Erfolg in Waldshut-Tiengen vielleicht ja.
BZ: Warum spielen Sie Schach? Warum nicht Fußball oder Tennis oder Skat?
Scherer: Ab und an spiele ich auch Skat, aber das würde ich nicht als Sport ansehen - auch wenn mich die Skatspieler jetzt vielleicht steinigen werden. Fußball? Ich bin mehr Denksportler, weil ich ansonsten nicht sehr sportlich bin.
BZ: Was fasziniert Sie am Schach?
Scherer: Es kommt immer wieder etwas Neues aufs Brett. Da muss man seine Phantasie immer in Bewegung halten. Es ist eine ständige Mischung aus Spaß, Konzentration und Herausforderung.
BZ: Schachspieler legen häufig Wert auf die Feststellung, dass es sich bei ihrer Tätigkeit um Sport handle. Warum?
Scherer: Nun, ja. Auf höherer oder gar professioneller Ebene wird eine gewisse Anspannung erzeugt. Man ist hoch konzentriert. Eine Partie kann sehr lange gehen, bei der DM bis zu sieben Stunden. Das verlangt viel von Körper und Geist ab. In kritischen Situationen kommt der Adrenalinstoß, man wird zusätzlich aufgeputscht. Wenn es dann auch noch warm ist, können Spieler während der Partie einige Liter Flüssigkeit verlieren. Schach, professionell betrieben, ist harte Arbeit. Um stets gut vorbereitet zu sein, sollte man jeden Tag einige Stunden trainieren.
BZ: Wie gleichen Sie den Flüssigkeitsverlust aus? Ein Gläschen Wein mag entspannen, mehrere könnten fatal sein...
Scherer: Gegen ein einzelnes Glas spräche sicher nichts. Ich trinke eher Apfelsaft- und Orangensaftschorle oder Tee.
BZ: Zu den besonderen Herausforderungen wahrend langer Partien gehört es, irgendwann zu müssen, aber nicht zu dürfen. Oder dürfen Sie dann?

Scherer: Natürlich. Beide Spieler verfügen über dasselbe Zeitbudget. Solange mein Gegner überlegt, stehe ich ohnehin häufig auf, spaziere ein wenig umher und betrachte andere Partien. Es ist sehr wichtig, sich auch einmal vom Geschehen auf dem eigenen Brett abzulenken und nicht ständig darauf zu konzentrieren.
BZ: Einige der Weltbesten sind für ihre Marotten und Eigenheiten bekannt. Anatoli Karpow wusch sich während eines Turniers nie die Haare. Und Sie?
Scherer: Ich habe einige Marotten.
BZ: Welche?
Scherer: Zum Beispiel ging ich erst nach dem Turmer in Tiengen zum Friseur. Ich hatte schon einen richtigen Pelz. Wenn ich während eines Wettbewerbs vor dem Kleiderschrank stehe, suche ich mir gern diejenigen Pullover heraus, mit denen ich schon Erfolg hatte. Eine Zeitlang stellte ich mir auch ein Stofftierchen neben das Brett. Ich hatte es während eines schlechten Turniers geschenkt bekommen und fortan mehr Erfolg.
BZ: Was ist das für ein Tier?
Scherer: Ein kleiner Drache.
BZ: Also ein Symbol der Aggression. War das ein Psychotrick, mit dem Sie Ihre Gegner einschüchtern wollten?
Scherer: Nein. So bewusst läuft das nicht ab. Außerdem lasse ich den Drachen schon lange weg. Ich bin auch ohne ihn erfolgreich.


23. Juli 2000

Michail Kekelidse (Karlsruher Schachfreunde) gewinnt Offene Freiburger Schnellschachmeisterschaft

Der Sieger der Offenen Freiburger Schnellschachmeisterschaft wurde verdient Michail Kekelidse von den Karlsruher Schachfreunden, der als einziger unter den 65 Teilnehmern ungeschlagen blieb. Auf dem zweiten Platz landete Roland Voigt aus Leipzig, der die Blitzmeisterschaft für sich entscheiden konnte. Vom Bezirk Freiburg konnten lediglich Max Scherer und HaJo Gierth ein Wörtchen mitreden. Bei den Senioren gewann überraschend Hanno Dürr vor den Favoriten Dusan Voijnovic und Helmut Kaufmann.

(Bericht: Thomas Schoch)